Warum Werte in der zweiten Lebenshälfte wichtig werden
Meine Freundin bringt meine Werte ins Wanken
Als ich begann, mich mit meinen Werten auseinanderzusetzen, fiel mir auf, dass sie oft erst sichtbar werden, wenn jemand sie verletzt:
Ich habe eine Freundin, die zu unseren Verabredungen grundsätzlich mindestens 15 Minuten zu spät kommt, ohne relevanten Grund. Ich ärgere mich jedes Mal. Sie geht mit meiner Zeit nachlässig um und achtet mein Zeitbudget nicht. Ich schenke ihr meine Zeit, mache mich rechtzeitig auf den Weg um dann dazustehen, wie bestellt und nicht abgeholt. Sie versteht meinen Groll nicht: „Sei doch mal locker, dann kannst du in Ruhe hier sitzen und in die Gegend schauen, es waren doch nur 15 Minuten und jetzt bin ich da“.
Kennst du das? In solchen Momenten zeigt sich, Werte sind nicht nur Theorie, Werte sind Beziehung. Werte bergen Konflikte.
Auf die Verletzung von unseren Werten reagieren wir mit Empörung, auch wenn wir es vielleicht nicht offen sagen. Wer unsere Werte verletzt, von dem wenden wir uns auf lange Sicht ab.
Was sind eigentlich Werte?
Um dem Thema näherzukommen, ein wenig Theorie – aber keine Sorge, nur ganz kurz.
Werte sind das, was uns wichtig ist. Sie beeinflussen unsere Entscheidungen, unser Verhalten und auch unsere Beziehungen.
Oft merken wir erst, welche Werte wir haben, wenn jemand dagegen verstößt. So wie meine Freundin, die ständig zu spät kommt.
Werte verbinden Menschen. Häufig haben Freunde oder Familienmitglieder ähnliche Vorstellungen davon, was wichtig und richtig ist.
Aber Werte können auch zu Konflikten führen. Der eine legt großen Wert auf Freiheit, der andere auf Verlässlichkeit. Der eine liebt Veränderungen, der andere braucht Sicherheit.
Werte sind also weit mehr als schöne Worte.
Sie sind der innere Maßstab, nach dem wir unser Leben gestalten.

Woher kommen unsere Werte?
Wir alle haben Überzeugungen, nach denen wir handeln. Sie sind tief in uns verankert und viele haben wir in der Kindheit gelernt.
Wenn es in deiner Familie regelmäßig Familientreffen gab, Geburtstagskarten verschickt wurden und die Familie miteinander telefonierte, galt Familie bei euch als ein hoher Wert.
Natürlich entwickelt sich unser Wertekanon im Laufe unseres Lebens weiter, durch Erfahrungen, Bildung, aber auch durch gesellschaftliche Veränderungen.
Werte stehen für Überzeugungen, Einstellungen, Ideale und Bedürfnisse.
Soweit die Theorie.
Werte geben Strukturen als Geländer im Alltag
Im Laufe der Jahre war vieles in deinem Alltag klar und gut strukturiert: Beruf, Familie, Haushalt, Partnerschaft, Hobbys, alles lief in einem Rhythmus und nach den Werten, die sich im Laufe der Jahre in deiner Familie etabliert haben.
Wie der Tag beginnt und wie er endet, war im Groben durch deine und eure Werte festgelegt. Wie der Tag beginnt und wie er endet, war im Groben durch deine und eure Werte festgelegt.
Morgens Frühstück machen, frisches Obst bereitlegen, Nachmittags Kinder zu Terminen kutschieren, abends kochen, Kinder abholen, und dann ab vor den Bildschirm, Beine hoch legen.
Termine wie Geburtstage, Weihnachten oder Urlaube waren wie selbstverständlich in dieses System eingebunden.
Solche Strukturen sind über Jahre gewachsen und zeigen, was uns wichtig war.


Warum Werte in der zweiten Lebenshälfte wichtig werden
Natürlich verändern sich Werte im Laufe des Lebens und grade mit der zweiten Lebenshälfte.
Vielleicht stand im Alter von 16 Jahren der Wert „dazu gehören“ bei dir ganz oben, im Alter von 30 war es womöglich „Sicherheit“ und mit 55
Wie ich in meinem ersten Artikel beschreiben haben, meldet sich in der zweiten Lebenshälfte manchmal eine Leere, weil alles, was uns bis hierher wichtig war, allmählich wegbricht: Die Kinder sind flügge geworden, der Job wird zur Nebensache.
Ich erinnere mich gut, wie verwundert ich war, als an einem Nachmittag nichts anlag. Ich musste nichts tun – Und nun?
Ich könnte lesen, oder einen Stadtbummel machen.
Darf man am Nachmittag einfach so lesen?
Als ich plötzlich Zeit hatte, spürte ich, dass sich hier Möglichkeiten auftaten, anders zu leben.
Ich merkte allerdings auch, dass ich gar nicht mehr genau wusste, was mir wirklich wichtig war.
Hier meldet sich ganz leise die Frage: Was ist mir wichtig?
Da kommen Werte ins Spiel, Werte, die unseren Kompass darstellen.
In der zweiten Lebenshälfte kommen neue Herausforderungen aber auch Möglichkeiten auf uns zu.
Um unser Leben selbstbestimmt zu gestalten, müssen wir unseren Wertekompass überdenken oder sogar einen eigenen neu entwickeln.
In den Jahren des Funktionierens sind wir oft gar nicht dazu gekommen, unsere eigenen Werte zu überprüfen.
Jetzt, mit dem Blick auf die zweite Lebenshälfte ist Inventur angesagt:
Sind die Werte, nach denen wir gehandelt haben und handeln wollen wirklich unsere Werte?
Wenn wir unsere Werte durchdenken haben wir einen guten Kompass, der uns durch die Jahre begleitet und führt.
1. Reflexion zum Thema Werte:
Hier schon einmal erste Reflexionsfragen, die du in deinem Logbuch beantworten kannst, um deinen Werten auf die Spur zu kommen:
- Wofür nimmst du dir Zeit?
- Worüber regst du dich auf?
- Was macht dich stolz?
- Was verletzt dich?
Nimm dein Logbuch zur Hand:

Was bisher zu lesen ist:
Teil 1: Wir funktionieren – bis plötzlich die Frage auftaucht: Was will ich eigentlich? Hier kannst du nachlesen
Teil 2: Was ist dir wirklich wichtig? Werte als Kompass für die zweite Lebenshälfte
Teil 3: folgt